Otrdiena, 14 Februāris 2017 19:56

Die nationalsozialistischen Haftstätten und Todeslager

Auch ein oberflächlicher Blick auf die schematische Übersichtskarte der nationalsozialistischen Konzentrationslager würde fiir die Feststellung geniigen, daß das Lagernetz östlich der Grenze des sogenannten "Generalgouvernements" (GG) weniger dicht wird. Je weiter man in Richtung der deutsch-sowjetischen Front im Osten sucht, desto seltener werden die eingezeichneten Lager.

So bestanden zum Beispiel in einem Großraum - dem »Reichskommissariat für das Ostland« (RKO) - das immerhin das ansehnliche Territorium des ganzen Baltikums und einen großen Teil Weißrußlands umfaßte, bloß vier Konzentrationslager im engeren Sinne: Kauen (Litauen), Riga/Kaiserwald (Lettland), Klooga und Vaivara (Estland), die über den SS-Wirtschafter des Höheren SS- und Polizei- führers (HSSPF) Ostland/Rußland-Nord der Kontrolle und Führung des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes (WVHA) unterstellt waren. Aber auch diese wenigen Konzentrationslager entstanden erst im dritten Jahr der deutschen Besatzung. Das soll nun beileibe keinen zu dem Fehl- Schluß verleiten, es hätten im Umfeld dieser vier als Hauptlager be- zeichneten Konzentrationslager keine anderen Haftstätten bestanden, die nicht schon ab 1941 der Verwirklichung der nationalsozialistischen Terrorpolitik gedient hätten. Aber nähere Angaben sind in der Fachlite- ratur spärlich, die »Lagerlandschaft« im Osten ist bis auf den heutigen Tag noch in großem Maße »terra incognita«. Die hier vorgelegte Studie soll dieses Informationsdefizit wenigstens zum Teil beheben und das Lagersystem im lettischen Raum darstellen, der als »Generalkommissariat Lettland« dem RKO einverleibt war. In der hier vorgelegten Studie sind breitere wissenschaftliche Forschungspro- bleme bewußt ausgeklammert. Es geht um Primäres: um eine erste Be- standsaufnahme aller Haftstätten, die eine allgemeine Vorstellung über die »Lagerlandschaft« im besetzten Lettland vermitteln sollen.

Die Studie stützt sich überwiegend auf Materialien der sowjetischen sogenannten »Außerordentlichen Kommission«1, die einen sehr umfang- reichen Aktenbestand im Historischen Staatsarchiv Lettlands in Riga bil- den. Die Benutzung des Quellenmaterials der »Außerordentlichen Kom- mission« (AK) gebietet jedoch größte Umsicht, besonders der offiziellen Zusammenfassungen, die unverhüllt tendenziös und propagandistisch ausgerichtet sind. Einer höchst kritischen Überprüfung bedürfen alle Zah- lenangaben, da sie allzu »großzügig« nach oben abgerundet wurden. So sollen laut Hauptbericht der AK auf lettischem Territorium von den Nazis 46 bis 48 Gefängnisse, 23 Konzentrationslager und 18 Ghettos eingerichtet worden sein, in denen sich angeblich nicht weniger als 536 400 Inhaftierte befunden hätten2. Es sollen auch genau 313 798 Zivilbewohner ermordet worden sein (in die Opferzahl sind auch die aus dem Westen nach Lett- land deportierten Juden und die von der Wehrmacht zwangsevakuierte russische Bevölkerung einbezogen)'. Auf lettischem Territorium sollen sich 41 Kriegsgefangenenlager mit 851750 Insassen befunden haben, von denen 330 032 ums Leben gekommen sein sollen4.

Zu diesem Zahlenmaterial soll im weiteren Stellung genommen werden. Viel größeren Wert als die Zu- sammenfassungen hat für die Forschung das primäre Material der AK» die direkten Zeugenaussagen und Berichte, doch müssen wir uns darüber im klaren sein, daß auch diese Zeugnisse von den Erwartungen oder gar Forderungen derjenigen, die die Fragen stellten und die Berichte zu- sammentrugen, zweifelsohne direkt oder indirekt beeinflußt worden sind. Bei der kritischen Auswertung der Akten der AK kamen dem Verfasser persönliche Lagererfahrungen zustatten sowie Angaben, die aus einem jahrzehntelangen Umgang mit jüdischen Oberlebenden der Shoa und ehemaligen lettischen politischen Häftlingen stammen. Bei den damals in Lettland herrschenden politischen Zuständen konnten die Angaben nicht unter Beachtung wissenschaftlicher Formalia aufgeschrieben wer- den und sie fanden ihren Niederschlag nur in verschlüsselten Neben- bemerkungen. Deswegen sind sie in der vorliegenden Studie nicht eigens vermerkt worden. Publizierte Zeugenaussagen sind hingegen im Quel- lennachweis angezeigt.  

1. Gefängnisse  

Laut Angaben einer Festschrift des kriminalpolizeilichen Departements Lettlands zum Anlaß des zwanzigjährigen Jubiläums der lettischen staat- lichen Unabhängigkeit bestanden in Lettland kurz vor dem Zweiten Weltkrieg 15 größere und kleinere Gefängnisse und ein Zwangsarbeits- lager (Steinbruch in Kalnciems) mit einer gemeinsamen Aufnahmefähig- keit für circa 4 600 Häftlinge. Die größte Haftstättc Lettlands - das Ri- gaer Zentralgefängnis, das 1902 bis 1905 erbaut worden war - war für ] 360 Häftlinge vorgesehen. Während der Monate des »roten Terrors« 1919 und des darauf folgenden »weißen Terrors«« waren im Zentralgefäng- nis über 3 000 Inhaftierte zusammengepfercht worden. Außer den er- wähnten Haftstätten befanden sich noch «Arrestlokale« bei den Polizei- revieren, größere Hafträume auf dem Polizeipräsidium (lettisch: Präfek- tur) in Riga. Das Militär hatte eigene Gefängnisse, das größte - in der Zi- tadelle - am Ufer der Düna in Riga5. Die Gebäude des Gefängniswesens blieben im wesentlichen auch im ersten Jahr der sowjetischen Herrschaft (1940 bis 1941) unverändert, da die Opfer der Massenverhaftungen durch die Tscheka überwiegend in die sibirischen Lager abgeschoben wurden. Wegen des fluchtartigen Rückzuges der Roten Armee aus Lettland Ende Juni/Anfang Juli 1941 kam es auch nicht zu Zerstörungen. Somit bekam die deutsche Okkupationsmacht dieses »Erbe« in unbeschädigtem Zu- stand in die Hände und konnte es gemäß ihren Absichten verwenden. Zum Spezifikum der Situation in Lettland während der ersten Wo- chen der deutschen Besatzung gehörte die Aktivität des einheimischen »Selbstschutzes«.

Die sowjetischen Terrormaßnahmen, besonders die Massendeportationen vom 14. Juni 1941, hatten seit Kriegsanfang anti- sowjetische Guerilla-Aktivitäten aufflammen lassen in der Form eines zü- gellosen Gegenterrors, einer internen Abrechnung mit Sowjetaktivisten und potentiellen Sowjetsympathisanten. Dem folgte dann nach dem deutschen Einmarsch die Beteiligung an der Masscnvcrnichtung der jüdischen Bevölkerung. Nach Schätzungen der Beamten der deutschen Zivilverwaltung sollen beim lettischen Selbstschutz 12 000 Mann unter Waffen gestanden haben, die in den ersten Wochen der nationalsozialisti- schen Besetzung 7 144 lettische Zivilisten verhaftet und von dieser Zahl nicht weniger als 800 erschossen hätten6. Nach Aussage des ehemaligen HSSPF Ostland, SS-Obergruppenführer Friedrich Jcckcln, vor dem so- wjetischen Kriegstribunal in Riga (1946) sollen aus politischen Gründen circa 20 000 Einwohner der besetzten baltischen Republiken verhaftet worden sein7, der sowjetische Historiker Janis Dzintars hat die Zahl der allein in Riga Verhafteten mit 12 000 und die Zahl der in die Konzentra- tionslager Eingewiesenen und später nach Deutschland Deportierten mit 15 000 berechnet". Wenn wir diese Zahlen, die offensichtlich nach oben abgerundet sind, auch kritisch bewerten müssen, so kommen sie meines Erachtens der Wirklichkeit nahe. Im übrigen wird die Zahl der Opfer des politischen Terrors im ersten Halbjahr 1941 von der lettischen nationalen bürgerlichen Historiographie ähnlich auf 12 000 geschätzt9.

Wie eingangs erwähnt, hatte die sowjetische »Außerordentliche Kom- mission« im besetzten Lettland 48 (!) Gefängnisse festgestellt - eine un- mögliche Zahl, da zu den schon bestehenden 15 Gefängnissen keine neuen hinzukamen (außer einer baulichen Erweiterung in Dünaburg). Viel näher an der Wahrheit ist Jakob T. Ozols, der von »16 überfüllten Gefängnissen«10 berichtet. Die schon in den ersten Stunden der deut- schen Besatzung einsetzende Welle chaotischer Massenverhaftungen von »Kommunisten« und Juden erzeugte schon nach einigen Tagen akuten Raummangel, dem man durch systematische »Ausräumungen« - Mas- senerschießungen - abzuhelfen suchte. So meldete das Einsatzkomman- do (EK) 2 am 16. Juli 1941 die Erschießung von 1 300 Juden sowie die Inhaftierung von 2 000 Juden und 600 Kommunisten mit der Hinzu- fügung: »Die Gefängnisse werden in den nächsten Tagen vollends ge- räumt.«" Das EK ib konnte aus Dünaburg melden, daß es von den 1 224 Personen, die die örtliche lettische Hilfspolizei unter Mitwirkung des Einsatzkommandos verhaftet hatte, zwischen dem 7. und dem 10. Juli bereits 1 150 Juden erschossen habe12. Die Massenerschießungen der Häftlinge hielten nur mühsam Schritt mit der ansteigenden Welle von Verhaftungen: Am 10. September 1941 meldete SS-Brigadefiihrer Walter Stahlecker, Chef der Einsatzgruppe A, daß die Gefangnisse vollständig überfüllt seien und darum die »Räumung der Gefängnisse«" laufend ge- schehe. In Riga gab es zum Zeitpunkt dieser Meldung 3 325 politische Häftlinge, am 15. Oktober 1941 3 509'4, am 30. November 1941 3 325''. Im ganzen Bezirk des »Generalkommissariats Lettland« waren zum 15. Ok- tober 1941 7 064 politische Gefangene inhaftiert1 , am 30. November 1941 aber noch immer 6 Hierauf reagierte ein hoher Beamter der Hauptabteilung Politik des RKO mit einem Aktenvermerk, in dem er die Liquidierung von Kommunisten und Juden forderte. Trotz grassierender Typhus-Epidemie, Massensterben und seit Dezember 1941 verstärkt durchgeführten Exekutionen in den Haftstätten, nahmen die Beschwer- den der Behörden über Raummangel in den Gefängnissen kein Ende. Der für das Gebiet Lettgallen zuständige Gebietskommissar in Diina- burg bekundete im Lagebericht vom 12. Dezember 1941 seine Absicht, diesem Zustand schnellstens durch Neubauten abzuhelfen: in Dünaburg sollte ein Konzentrationslagerneubau errichtet werden, in Abrene ein neues Gefängnis, in Rositten (Rezekne) und Ludsen (I.udza) sollten Er- weiterungsbauten unternommen werden'8. Die Gesamtzahl der politi- schen Häftlinge und Opfer des Terrors im deutsch besetzten Lettland 1941 bis 1945 ist noch nie wissenschaftlich korrekt erforscht worden. Die von der sowjetischen AK angegebene Z1I1I der Exekutierten — 10 000 Opfer [!] allein im Rigaer Zentralgefängnis für die Zeit von Juli 1941 bis Ok- tober 1944 - ist bestimmt um einige lausende zu hoch und stürzt sich überwiegend auf Aussagen ehemaliger Inhaftierter'9, da Dokumente nur fragmentarisch vorhanden sind. Für das Halbjahr 1941.

(476-477)

  • in Postenden (Pastende), Kreis l'alsen, bestand ein EG des Gefängnis- ses Talsen vom Sommer bis Herbst 1941, danach wurden die Häftlinge nach Altmokken überfuhrt'36;  
  • in Kalkune, Kreis Dünaburg, bestand ein Lager bei der örtlichen Zie- gelbrennerei37;
  • in Schwanenburg (Gulbene) befand sich laut Akten ein »Arbeitslager für politische Häftlinge«, das am 1. Oktober 1941 mit 370 Häftlingen belegt war38; - in Nitsgalen (Nicgale), Kreis Dünaburg (Daugavpils), wurde ein Zwangsarbeitslager von der »Kommission Nordmark« im März 1942 für »Vertragsbrüchige« Zwangsarbeiter gegründet.

Da der Sicherheitsdienst der SS (SD) keine Gebäude zur Verfügung stellen konnte, wurde be- helfsweise ein Bauzug der Baugruppe Giessler mit Stacheldraht umge- ben und auf diese Weise ein l.ager errichtet. Die »Vertragsbrüchigen« wurden in einem Schnellverfahren zu sechs Wochen Schwerstarbeit ver- urteilt und beim Streckenbau von der Baugruppe Giessler beschäftigt39. 1942 und 1943 wurden einige Ersatzgefängnisse/Lager aufgelöst, während an anderen Orten neue Lager gegründet wurden. Nach einer Übersicht der »Ersarzgcfängnissc Verwaltung« vom 15. März 1943 befanden sich in verschiedenen »Ersatzgefangnissen« 2 611 Männer und 385 Frauen, insge- samt 2 996 Häftlinge; und zwar in Riga 1 978, in Wolmar 417, in Goldin- gen 255, in Abrene 106 und in Mitau 24040. Das größte Lager in Lettland war das 18 km von Riga entfernt gelegene Salaspils, wohin ein großer Teil der Insassen der »Ersatzgefängnisse« ab- geschoben wurde. Vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin ausdrücklich nur als »erweitertes Polizeigefängnis« akzeptiert und formal als »Arbeitserziehungslager« bezeichnet, war es praktisch jedoch ein dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD Lettlands unterstelltes Konzentrationslager41. Dieser Umstand wurde auch von Himmler aner- kannt42. Mitte Dezember 1941 wurde mit dem Bau der ersten Lagerbaracken begonnen. In der Anfangsphase (bis Frühjahr 194z) war Salaspils ein To- deslager für männliche »Reichsjuden«, die das Lager autbauen sollten. Am 30. Dezember 1941 befanden sich dort 1 000 Juden aus dem Reich45, später gab es Schärzungen zufolge bis etwa 5 000 Insassen. Bis Mai 1942 wurden fünf Baracken aufgestellt. In vier Baracken waren jeweils bis zu 400 Juden zusammengepfercht, in einer Baracke 200 lettische politische Häftlinge44. Hans Baermann, der am 2. August 1942 aus Salaspils ins Rigaer Ghetto überfuhrt wurde, gab an, daß insgesamt 192 jüdische Männer das schreckliche Mordregime und die unmenschlichen Zustän- de hatten überleben können. Der größte Teil dieser Männer war jedoch kaum mehr lebensfähig".

Die zweite Phase in der Entwicklung des Lagers Salaspils begann mit dem 7. Mai 1942, als dort die ersten lettischen Häftlinge untergebracht wurden, denen am 18. Mai die nächste Gruppe von 200 Häftlingen folg- te46'. Im Laufe des Jahres stieg die Zahl auf 1 000 Häftlinge47, die sich dann noch einmal um ein Mehrfaches vergrößerte, als Salaspils im Som- mer 1943 ein Durchgangslager für verhaftete »partisanenverdächtige« Fa- milien aus Lettgallen und Weißrußland, aber auch aus den Gebieten Le- ningrad, Pskow, Nowgorod, Welikije-Luki und Kalinin wurde. Kinder bis Fünf Jahre wurden den Eltern entrissen und in einer eigenen Baracke untergebracht, wo mehrere hundert eines elenden Todes starben. Ab 1943 wurde in Salaspils auch der Strafvollzug für fahnenflüchtige lettische Militärs durchgeführt. Die Höchstzahl der in Salaspils Inhaftierten soll 25 000 erreicht haben, die in 45 Baracken untergebracht waren48. Salaspils besaß verschiedene Nebenlager: im Steinbruch der Zement- fabrik in Sauriesi, in der Torffabrik Salaspils und auf dem Flugplatz Spil- ve in Riga. Kommandant des Lagers (gleichzeitig auch Kommandant des Ghettos Riga) war SS-Obersturmbannführer Kurt Krause. Das Lager bestand bis Ende Sommer 1944, als die Häftlinge in das Konzentrations- lager Stutthof verschleppt wurden. Die Lagerbaracken wurden am 29. September 1944 von den SS-Leuten der Laeerfiihrung vernichtet49. Nach sowjetischen Angaben sollen im besetzten Lettland 23 Konzen- trationslager bestanden haben. In der Historiographie der lettischen Diaspora im Westen ist hingegen von »5 neu errichteten Konzentrations- lagern«50 die Rede. In unserer Studie sind es zwölf regionale Lager, das 13. ist das zentrale Sammellager Salaspils mit seinen Nebenlagern - das größ- te Lager für politische Zivilgefangene im Baltikum. Nach Angaben des Arbeitsamtes des Generalkommissariats in Riga sollen Ende 1942 insgesamt 20 872 Personen in verschiedenen Lagern (ohne Ghettos und Kriegsgefangenenlager und Gefängnisse) inhaftiert gewesen sein". 1943 bis 1944 mit der Verstärkung verschiedener Formen des Widerstandes und besonders nach der Überführung der »Partisanen- verdächtigen« nach Salaspils, wird die Gesamtzahl der Lagerinsassen er- heblich höher gewesen sein. Die »Partisanenverdächtigen« wurden schon 1943 nach Deutschland deportiert. Im Sommer 1944 kamen auch die let- tischen politischen Häftlinge in das Konzentrationslager Stutthof und von dort in andere Lager. Es handelte sich um circa 15 000 lettische poli- tische Häftlinge, von denen ein großer Teil ums Leben gekommen ist.  

3. Die Lager für sowjetische Kriegsgefangene  

Zum Straßenbild der ersten Jahre der deutschen Okkupationszeit gehör- ten auch die schier endlos anmutenden Kolonnen von Elcndsgcstaltcn sowjetischer Kriegsgefangener, da das lettische Gebiet zu einem der gro- ßen Zentren des Kricgsgefangcncnwesens im Hinterland der Heeres- gruppe Nord verwandelt worden war52. Schon 1941 wurden die ersten an- fallenden zahlreichen Gefangenen in den größeren Städten mit starken deutschen Militärgarnisonen konzentriert: in Riga, Mitau, Dünaburg und Rositten. Anfänglich waren es Durchgangslager (Dulags), die dem Oberquartiermcister der Heeresgruppe bzw. dem Befehlshaber des rück- wärtigen Heeresgebietes unterstellt waren. Am 20. Juli 1941 übernahm der Wehrmachtsbefehlshaber Ostland (WBO) das Dulag in Mitau, bis zum 1. September 1941 hatte der Kommandeur der Kriegsgefangenen beim WBO alle übrigen Lager übernommen. Anfänglich hatte General- major Victor Gaissert diesen Posten inne, seine Nachfolger waren: Gene- ralmajor Bronislaw Pawel (1. November 1942 bis 12. Dezember 1942), Ge- neralmajor Ernst Wenig (1. Januar 1943 bis 1. Februar 1944). Im Herbst 1941 wurden die Dulags in Stammlager (Stalags) umgewandelt. Die drei größten Lager waren das Stalag 350 in Riga, das Stalag 340 in Dünaburg und das Stalag 347 in Rositten. Daneben existierten viele kleinere Lager. Der zentrale Ieil des Stalag 350 befand sich in Riga auf der l'ernavas Straße in einer alten Kaserne. Lagerkommandant war Major Sulzberger. Im Herbst 1941 wurden hier viele Tausende Gefangene konzentriert, die zunächst größtenteils unter freiem Himmel kampieren mußten. Drei erst im Winter aufgestellte Baracken waren nicht beheizbar, und auch diese konnten nur einen Bruchteil der Kriegsgefangenen beherbergen. Die meisten mußten sich mit Löffeln und Kochgeschirr Erdgruben graben.

Es war ganz klar, daß bei den Hungerrationen und den unvorstellbaren Unterkünften, verbunden mit schwerer Arbeit, bald ein Massensterben einsetzte. Das zentrale Lager hatte in Riga mehrere Nebenlager: in der früheren Artilleriekaserne, in der sogenannten »Panzerkaserne«, auf dem Flugplatz Spilve, auf dem Rangierbahnhof Skirotava, in leerstehenden Speichern der Fabriken »Vairogs« und »Strirzky«, auf dem Güterbahnhof und im Exporthafen. Andere Nebenlager befanden sich in der Umgebung Rigas in Lilaste an der Rigaer Bucht, an der Eisenbahnstation Cekule, in der Torffabrik Stopiushof (Stopini), in Segewold (Sigulda), Ligatne, Olai (Olaine),Torffabrik Schlock (Sloka) und Kemmern (Kemeri). Außerdem existierten noch viele andere kleinere Lager mit jeweils einigen Dutzend Gefangenen, die zu Eisenbahn- und Straßenreparaturen sowie zu Wald- arbeiten eingeserzt wurden. Diese Lager bestanden bis 1943. Das größte Lager außerhalb Rigas befand sich in Salaspils, offiziell als Stalag 350-S bezeichnet. Es wurde im Herbst 1941 errichtet. Anfangs wurden die Gefangenen in alten Kasernen untergebracht. Als diese über- füllt waren, trieb man die Neueingänge auf zwei mit Stacheldraht ein- gezäunten Plätzen zusammen, wo sie schurzlos dem Herbstregen und frühen Frösten ausgesetzt waren. Von mehreren zehntausend Gefange- nen, die sich im Spätherbst 1941 in diesem Lager befunden haben sollen, waren nach offiziellen Angaben im Juni 1942 nur noch 3 434 am Leben. Das andere große Lager war das Stalag 340 in Dünaburg (Daugavpils). Anfangs pferchte man die Gefangenen in die schon bald überfüllten Pulverkammern der noch aus Zeiten der napoleonischen Kriege stam- menden Festung. Den strengen Winter mußte ein Ieil der Häftlinge in Erdunterkünften verbringen, später wurden sie in nicht beheizbaren Ba- racken auf dem Festungsplatz untergebracht. Nebenlager befanden sich in Depoträumen der Eisenbahnstation Daugavpils il sowie in alten Stal- lungen. Die Lagerkommandanten waren Major Höffncr, ihm folgte Hauptmann Hugo Meyer, dann Hauptmann Missin.

Das drittgrößte Lager war das Stalag 347 in Rositten unter dem Kom- mandanten Major Ritter von Keliander, das ebenfalls Ende Juli 1941 ent- standen war. Als Unterkünfte dienten baufällige Quarantäne-Baracken aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Der Gebietskommissar in Dünaburg schätzte die Zahl der Gefangenen in beiden Lagern auf etwa 100 000. All- gemein bekannt war die auch hier katastrophale Versorgungslage - sie wurde sogar in einem amtlichen Schreiben des Chefintendanten beim WBO vom 27. Juli 1942 anerkannt; auch die Vernichtung der Kriegs- gefangenen durch Hunger, Terror und grauenhafte Existenzbedingungen war längst ein offenes Geheimnis. Noch am 21. Mai 1943 schrieb der Gebietskommissar in Dünaburg, Riecken, in einem Lagebericht vom Massensterben in den Kriegsgefangenenlagern als von einer allgemein be- kannten Tatsache. Das Dulag toi in Mitau wurde Ende Sommer 1941 in Stalag 350, Ne- benlager Mitau umbenannt. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager be- fand sich in Libau - anfangs trug es die Bezeichnung »Kriegsgefangenen- Umschlaglager Libau« und war zuerst dem Lager in Mitau, später dann Riga unterstellt. Im Sommer 1944, als Lettland erneut militärisches Operationsgebiet wurde, verlegte man die Stalags nach Deutschland und die Dulags aus frontnahen Gebieten nach Dünaburg, Riga und Salaspils. Der Komman- tlant des Dulag 100, Oberst Riess, avancierte zum Beauftragten für das Kriegsgefangenenwesen bei der Heeresgruppe Nord.

Als Riga aufgegeben wurde und die Heeresgruppe sich im Oktober 1944 nach Kurland zu- rückzog, wurden die Dulags teilweise in Windau stationiert. Dort ent- stand mit einem Nebenlager das letzte Lager für sowjetische Kriegs- gefangene auf lettischem Boden, das als Dulag 110 bis zur Kapitulation der Heeresgruppe Kurland am 9. Mai 1945 bestand. Das ganze Territorium Lettlands ist mit Gräbern sowjetischer Kriegs- gefangener übersät, in der Nähe der ehemaligen großen Lager sind es Massengräber riesigen Umfangs. Nach Angaben der sowjetischen AK sol- len allein in Riga in den Massengräbern die sterblichen Überreste von 130 000 sowjetischen Kriegsgefangenen gefunden worden sein, in Düna- burg 124 000, in Libau 7 200, in Rositten 3 500, in Mitau 23 000, ins- gesamt in ganz Lettland mehr als 330 000". Wir können diese hohe Opferzahl in Zweifel ziehen, doch ist eine Re- vision angesichts des spärlichen Quellenmaterials schlecht möglich.  

4. Die Militärstrafgefangenen-Anstalten für Wehrmachtsangehörige  

Die Lager für die sowjetischen Kriegsgefangenen und ein Block im Kon- zentrationslager Salaspils für Angehörige der sogenannten »Lettischen SS- Legion« waren nicht die einzigen Haftstätten für Angehörige des Militärs. Es bestanden Straf- und Haftanstalten auch für Deutsche. Die Existenz von Militärstrafgefangenen-Anstalten im leerstehenden Fabrikgebäude des ehemaligen »Provodnik« und im Gefängnis »Zitadelle«, beide in Riga, ist durch Zeugenaussagen sicher belegt. Für 1944 ist eine »Kriegswehr- machtsstrafanstalt in Riga«, eine »4. Feld-Strafgefangenenabteilung« und ein Strafbataillon der Marine in Windau nachzuweisen, das unter der Be- nennung »Marinekriegssonderabteilung Ost« und »31. Schiffsstammab- teilung« in Windau geführt worden ist54. Nähere Angaben über die Zahl der Inhaftierten sind in lettischen Archiven nicht gefunden worden. Die Ghettos und Konzentrationslagerßir Juden Das besetzte Lettland, besonders Riga, ist von den Nationalsozialisten auch als Stätte des Massenmordes an den einheimischen und westeuropäi- schen Juden mißbraucht worden. Uberall in Lettland ist die jüdische Be- völkerung schon in den ersten Wochen der Besetzung aus ihren Wohnungen vertrieben und in Synagogen, Lagerräumen und baufälligen Häusern zusammengetrieben worden. Von dort wurden sie dann späte- stens im Laufe eines Monats zu Erschießungsstätten abgeführt.

(483-484)

Im Unterschied zu Dünaburg und Riga, wo die Ghettos als Konzentra- tionslager dem Zweck der darauf folgenden Vernichtung dienten, wurde das Ghetto Libau in der Endphase nicht zu Beginn, sondern zum Abschluß der Morde eingerichtet, als schon 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung umgebracht worden waren. Es war eigentlich ein Kasernierungslager lür die von den deutschen Dienststellen einstweilen noch gebrauchten Hand- werker und einen Teil der noch lebenden Familienangehörigen. Das Ghet- to wurde erst am 1. Juli 1942 errichtet und umfaßte einen Häuserblock, welcher von den Straßen Kungu, Barinu, Darza und Apsu abgegrenzt wurde. Ghetto-Kommandant war der Meister der Schutzpolizei Ker- schner65. Er ist als Ausnahmefall in der Geschichte der nationalsozialisti- schen Vernichtungslager anzusehen, da ihn ausnahmslos alle Überleben- den des Libauer Ghettos als humanen, gütigen Menschen charakterisieren. Nach Angaben der sowjetischen AK soll die Zahl der Ghettoinsassen 814 betragen haben, nach Angaben der Überlebenden waren es um 870.

Das Ghetto bestand bis zum 7. Oktober 1943, als die Insassen nach Riga ins Konzentrationslager Kaiserwald überführt wurden. Vom 1. Juli 1942 bis zum 7. Oktober 1943 sollen im Ghetto 156 Menschen gestorben sein, darunter 54 Erschossene66. Das Libauer Ghetto hatte ein Nebenlager in Paplaka, ein Arbeitslager der Waffen-SS, von Frühjahr bis Oktober 1942. Eine kleinere Gruppe wurde jedoch noch bis April 1944 in Paplaka festgehalten67. Das größte Ghetto befand sich in Riga. Der Beginn des Ghettos läßt sich bis auf die erste Augustwoche des Jahres 1941 zurückverfolgen, einem Zeitpunkt, zu dem Riga noch unter Militärverwaltung stand. Am 23. Au- gust 1941 veröffentlichte die Zeitung »Tevija« eine Information über die Markierung des Ghettogeländes. Am 13. September meldete »Tevija« die Umsiedlung von 3 200 Juden ins Ghetto, am 8. Oktober von angeblich 30 000 bereits »Umgesiedelten«. Am 23. Oktober 1941 erließ der Gebiets- kommissar Riga-Stadt seine »Anordnung über die Bildung eines Ghettos in Riga und den Umgang mit den Juden«6*. Laut dieser Anordnung soll- ten bis zum 25. Oktober, 18.00 Uhr, alle Juden umgesiedelt sein, Zu- widerhandlungen wurden mit schwersten Strafen bedroht. Die Einsatz- gruppe A unterstrich in Meldungen und Tätigkeitsberichten immer wieder ihre besonderen »Verdienste« um die Schaffung des Ghettos in Riga, die schon vor der »Machtübernahme« der Zivilverwaltung in Riga vom SD eingeleitet worden sei6''.

Die Verwaltung oblag bis zum Dezem- ber 1941 dem Gebietskommissar Riga-Stadt und ging dann auf das Gene- ralkommissariat Lettland über. Die polizeiliche Überwachung wurde vom Kommandeur der Sicherheitspolizei Lettland (KdS Lettland) ausge- führt, für die Bewachung des Ghettos wurde eine Wache aus der letti- sehen Schußmannschaft aufgestellt: ein Offizier, ein Vertreter, 60 Mann, zwei Beamte70. Die Wache wurde angewiesen, »von der Waffe rücksichts- los Gebrauch zu machen«7'. Auf einer Besprechung am 5. September 1941 wurde dem lettischen Ordnungsdienst durch den SS- und Polizeiführer Lettland, Walter Schroeder, mitgeteilt, daß keine Juden in Lettland blei- ben werden72. Laut Kartothek des Judenrates befanden sich 29 602 Men- schen im Ghetto: 5 652 Kinder, 8 300 »Arbeitsunfähige«, 15 650 Arbeits- fähige, davon 6 143 Männer und 9 507 Frauen71. Mehrere hundert Men- schen sind in dieser Kartei nicht erfaßt - Flüchtlinge aus der Provinz und den Kriegsgefangenenlagern. Die Ghettoinsassen wurden nach einem Monat in zwei blutigen »Großaktionen« am 30. November und 8. De- zember 1941 in Rumbula bei Riga ermordet. Die Zahl der Opfer dieser Massaker liegt bei etwa 2s 000. Vor der Mordaktion wurde ein Teil der »arbeitsfähigen« Männer und Frauen ausgesondert und in das sogenannte »kleine Ghetto« gebracht. Das Arbeitsamt des Gebietskommissars Riga-Stadt erfaßte dort am 31. Ja- nuar 1942 3 942 Männer und 389 Frauen74. Rechnet man den Innen- dienst, Kranke usw. mit ein, wird die Zahl um 100 bis 150 höher liegen. Ins »kleine Ghetto« wurde am 8. Februar 1942 ein hauptsächlich aus Männern bestehender Transport aus dem litauischen Kaunas eingeliefert, ein weiterer Transport von etwa 350 Männern wurde auf dem Flugplatz Spilve kaserniert. Insgesamt waren im »kleinen Ghetto« in Riga etwa 5 ooo Juden aus Lettland und Litauen inhaftiert. Ihre Zahl verringerte sich aber stark: schätzungsweise nicht weniger als 500 Menschen wurden aufgrund von Verstößen gegen die Lagerordnung, als Geiseln oder als Widerstandskämpfer erschossen oder starben im Rigaer Zentralgefnng- nis. Ungefähr 300 Menschen sind wahrscheinlich an den Folgen des La- gerregimes gestorben und 800 fielen der letzten Selektion während der Liquidierung des Ghettos am 1. und 2. November 1943 zum Opfer. In den leerstehenden Teil des »großen Ghettos« wurden ab Dezember 1941 Juden »aus dem Reich« gebracht. Trotz besonders hoher Sterblich- keit, gerade im Winter 1941/42 und den großen Mordaktionen - am 5. und 9. Februar, 14. und 26. März 1942 (bekannt als »Dünamünder Ak- tion«, etwa 2 000 Opfer) - schwankte die Zahl der Insassen des »Reichs- judenghettos« nach Angaben der Arbeitsämter immer zwischen 6 000 und 7 ooo75.

Im März 1943 wurde die Zahl der »Arbeitsfähigen« in bei- den Ghettos mit 11 726 beziffert76. Bei der Schließung des Ghettos am 2. November 1943 forderte die letzte Selektion unter den Reichsjuden be- sonders schwere Opfer - schätzungsweise 1 400 Menschenleben. Der Kommandant beider Ghettos und auch des Lagers Salaspils war SS Oberscharführer Kurt Krause, ab Herbst 1942 war faktisch Haupt- scharfiihrer Eduard Roschmann der Ghettokommandant. Die aus dem »Reich« nach Riga deportierten »arbeitsfähigen« jüdischen Männer kamen alle nach Salaspils. Für die übrigen bestand neben dem Rigaer Ghetto noch eine vorläufige Unterbringungsmöglichkeit: das La- ger Jungfernhof (Mazjumprava), in das schon ein Teil der ersten Transpor- te gebracht worden war. Während des Prozesses gegen den ehemaligen Lagerführcr Rudolf Seck vor dem Landgericht Hamburg wurde die Zahl der dort Zusammengepferchten auf 4 000 bis 5 000 geschätzt. Davon ka- men 200 Frauen ins Rigaer Ghetto, 600 Männer nach Salaspils. Die übri- gen bis auf einen Rest von circa 400 »Arbeitsfähigen« wurden in der Dün- amünder Aktion im März 1942 getötet oder gingen einfach zu Grunde. Gemäß Himmlers Befehl vom 21. Juni 1943 wurde das Rigaer Ghetto am 2. November 1943 aufgelöst. Häftlinge, die für arbeitsfähig befunden wurden, kamen ins KL Kaiserwald, das im Sommer 1943 nahe dem Villenviertel Kaiserwald (Mezaparks) von einer Gruppe Sachsenhauscncr Häftlinge aufgebaut worden war. Kommandant war SS-Sturmbannführer Georg Sauer. Dieses Hauptlager verteilte die etwa 15 000 Häftlinge auf die 13 Außenlager in Riga und die vier außerhalb von Riga befindlichen Ne- benlager. Nach dokumentarischen Unterlagen sollen sich im März 1944 im Konzentrationslager Kaiserwald 11 178 Häftlinge befunden haben (6 182 Männer, 5 696 Frauen)77. Die Zahl der Häftlinge schwankte bestän- dig: einerseits wurden in das Konzentrationslager Kaiserwald beständig dig: einerseits wurden in das Konzentrationslager Kaiscrwald beständig neue Gruppen aus aufgelösten kleinen Arbeitslagern eingeliefert: von Juni bis Anfang Juli 1944 wurden Transporte mit ungarischen Jüdinnen aus Auschwitz nach Riga gebracht (ewa 2 000 Personen).

Andererseits war die Sterblichkeit relativ hoch. Nach Auswertung der im Archiv erhaltenen »Leichenpassierscheine« ist festzustellen, daß zwischen dem 15. Dezember 1943 und dem 8. August 1944 484 Häftlinge des Hauptlagcrs starben78. Für ein Lager, in dem zu dieser Zeit nicht mehr als 3 000 Menschen gewesen sein können, war das eine enorm hohe Todesrate. Die Zahl der Hiiftlinge wurde durch Selektionen stark vermindert, be- sonders im Sommer 1944, als sich die Frontlinie Riga näherte. Über die vielen Selektionen ist nur ein einziges eigentümliches Dokument erhal- ten - eine Aufschrift in russischer Sprache an der Innenwand eines Spinds im Nebenlager Strasdenhof (Strazdumuiza): »Ich, Abram Graf- man aus Warschau, befinde mich heute am 3.8. in einer Gruppe von 900 Juden, die zur Erschießung geführt werden.«79 Außerhalb von Riga sind folgende größere Außenlager des KL Kaiser- wald bekannt: Eleja-Meitene (Kreis Mitau), Dondangen I (Gemeinde Dundaga, Kreis Windau), Dondangen II in Poperwahlen (Gemeinde Erwalen — Arlava, Kreis Talsen). Uber Eleja-Meitene konnte folgende zusätzliche Informa- tion im Historischen Archiv in Riga gefunden werden: Das aus 16 bau- fälligen Baracken bestehende biger befand sich nahe der »Maschinen- Traktor-Station« in Eleja. Die etwa 3 000 jüdischen Häftlinge aus Litau- en und Polen mit Kindern und auch alten Leuten arbeiteten hauptsäch- lich bei der Bahnstation Meitcne beim Schienenlegen und bei Gleisrepa- raturen. Das Lager bestand von Oktober 1943 bis Juni 1944.

Uber den Verbleib der Häftlinge fehlen jegliche Anhaltspunkte80. Die Lager Dondangen I und Dondangen II gehörten zu den schlechte- sten, besonders in der Anfangsphase, als die Häftlinge im Freien oder in Zelten kampieren mußten. Bei der großen Zahl der Toten wußte der Kommandant keinen besseren Ausweg als die Leichen einfach in die Ost- see zu werfen. Das kostete ihn später seinen Posten, und man begann in Poperwahlen ein Krematorium zu bauen - jedoch keine Unterkünfte für die Häftlinge, die in Dondangen II bis zum Ende in Zelten leben mußten. Beide Lager befanden sich in einem Gebiet - bekannt als »See- lager SS Dondangen« -. das im Sommer 1943 von der SS beschlagnahmt worden war und in dem fieberhaft Wege und Unterkünfte gebaut wurden. Im Juni 1944 wurden plötzlich mehrere hundert jüdische Frauen aus Ungarn vom KL Kaiserwald nach Poperwahlen und Dondangen ge- bracht. Kur/, danach wurden die Arbeiten in Poperwahlen unterbrochen. Das Lager, das mit einer ersten Gruppe von Häftlingen aus Kaiserwald - 150 Männer und 15 Frauen - im November 1943 auf einer sumpfigen Wie- se entstanden war, wurde in der ersten Juliwoche 1944 nat'h Dondangen I verlegt. Die inzwischen auf 600 Personen angewachsene Zahl der Häftlin- ge und einige hundert ungarische Frauen konnte dort nur mit großer Mühe untergebracht werden11'.

Aber auch die Tage von Dondangen I wa- ren bereits gezählt: Als eine sowjetische Panzerspitze unerwartet nach Tuckum vorstieß, wurde das Lager am 24. und 25. Juli fluchtartig evaku- iert, also nicht erst, wie amtlich angegeben, am 21. August. Zusammen mit den Häftlingen aus Poperwahlen wurden die Kolonnen auf Nebenwegen nach Goldingen (Kuldiga) getrieben. Viele versuchten zu fliehen, und vie- le standen den Fußmarsch in der Hitze nicht mehr durch. Ein Teil der Opfer ist in einem Massengrab in Zlekas begrabcnS2. Der größte Teil wur- de per Bahn aus Goldingen nach Windau gebracht und von dorr auf dem Seeweg nach Stutthof. Eine kleine Gruppe kam nach Libau, wurde aber dort nicht kaserniert, sondern ebenfalls nach Stutthof verschleppt. Kurz danach begann die allgemeine Uberführung der restlichen Häftlinge nach Stutthof: der erste Transport ging am 6. August ab, die nächsten am 19. und 25. September. Die letzte Gruppe mußte Riga am 10. Oktober 1944 verlassen, um nach Stutthof deportiert 7.11 werden - drei Tage vor der Ein- nahme Rigas durch die sowjetischen Truppen! Ein Teil der Häftlinge des Nebenlagers »Lenta« in Riga wurde nach Libau gebracht, wo nur eine klei- ne Gruppe Handwerker und Autoschlosser beim SD kaserniert wurde. Alle übrigen wurden im Februar 1945 nach Fuhlsbüttel verschleppt. Nach Recherchen des Dokumentationszentrums »Juden in Lettland« in Riga überlebten den Holocaust in Verstecken bei lettischen Mitbür- gern etwa 200 Juden in Riga, etwa 20 in Libau, fast 20 in den Wäldern Nordkurlands, ungefähr 30 in Dünaburg und vereinzelte Juden auf dem Lande in Lettgallcn - summa summarum um 300 jüdische Menschen.

Von denen, die nach Stutthof deportiert wurden, überlebten die Lager und Todesmärsche in Deutschland weniger als tausend lettische Juden. Die oft allgemein gebrauchte Bezeichnung »Todeslager« oder »Ver- nichtungslager« wird gewöhnlich als Synonym für die nationalsozialisti- schen Konzentrationslager verstanden. Das ist nur zum Teil richtig. So dienten, zum Beispiel, die Gefängnisse und die »Ersatzgefängnisse« in den ersten Monaten der Besatzung dem bewußten Ziel der Vernich- tung von politischen Gegnern. Später sollten die Gefangnisse und die »Ersatzgefängnisse« hauptsächlich Internierungsstätten für politisch Be- lastete sein, obschon auch nichts getan wurde, um das Überleben der Häftlinge zu gewährleisten: gegen die Läuseplage, deren Folgen Typhus und andere Epidemien waren, wurde so gut wie nichts unternommen. Die Verpflegungszuteilung war so kärglich, daß - wie es in der lettischen l-agerfolklore allgemein hieß - »eine Laus die Brotration wegtragen« könne. Daß diese Haftstätten letzten Endes doch zu Vernichtungsstätten wurden, ist aus dem allgemeinen Charakter des nationalsozialistischen Terrorsystems zu erklären. Auch die Kriegsgefangenenlager, besonders im Osten, werden - und meines Erachtcns zu Recht - als »Todcslager der Wehrmacht« bezeichnet, denn bis zum Frühjahr 1942 dienten sie unmißverständlich dem Zweck der Vernichtung. Auch als die verspätete Erkenntnis einsetzte, daß Gefan- gene eine wertvolle Arbeitskraft darstellen (in lx'ttland wurden im Mär/. 1941 51 262 Kriegsgefangene zu den Bauern als Landarbeiter entlassen"'), wurden die Kriegsgefangenen weiterhin nur sehr schlecht versorgt. Im Gegensatz zu den anderen eingangs erwähnten Lagerkategorien wa- ren die Ghettos und jüdischen Konzentrationslager nur als Sammelstellen der zu vernichtenden jüdischen Bevölkerung gedacht. 

(490-491)

  • 48 Vgl. Archiv des ZK der KP Lettlands, 101/6/20, Bl. 7.
  • 49 Vgl. Sausnltis, Salaspils, S. 281.
  • 50 Ozols, Widerstandsbewegung, S. 274.
  • 51 Vgl. LVA, 69/2/73, Bl. 138.
  • 52 Alle Angaben nach der Monographie Margers Vestermanis, Tä rikojäs ver-
  • mahts (Die Wehrmacht im Einsatz). Zur Rolle der Wehrmacht bei den Verbre-
  • chen der nationalsozialistischen Besatzer in Lettland, Riga 1973, Kapitel 6: Die
  • Todeslagcr der Wehrmacht, S. 116-146.
  • 53 Vgl. LVA, P-132/25/89, Bl. 11 f.
  • 54 LVA, 83/1/8, Bl. 124.
  • 55 »Vernas Balss« vom 10.7.1941.
  • 56 Vgl. «Daugavpils LatvieSu Avize« vom 15.7.1941.
  • 57 Vgl. EM. Nr. 24 vom 16.7.1941.
  • 58 Vgl. ».Daugavpils Latvidu Avize« vom 30.7.1941.
  • 59 LVA, 69/13/17, Bl. 163.
  • 60 Vgl. LVA, P-132/30/31, Bl. 51 f.
  • 61 Vgl. LVA, P-132/30/13, Bl. 47 f-
  • 62 Vgl. LVA, P-132/20/14, Bl. 33.
  • 63 Vgl. S. Jakub, V te dni (In jenen Tagen), in: L. Zilewitsch (Hg.), Jewreji v
  • Daugavpilsc (Juden in Daugavpils), Daugavpils 1993, S. 306.
  • 64 LVA, 69/13/82, Bl. 27.
  • 65 Vgl. LVA, 83/1/181, Bl. 9.
  • 66 Vgl. LVA, P-132/30/22, Bl. 21.
  • 67 Vgl. A. Vesterman, Survival in a Libau Bunker, in: Gertrude Schneider
  • (Hg.), Muted Voices, New York 1987, S. 163.
  • 68 LVA, 69/13/19, Bl. 28; »Tevija« vom 24.10.1941.
  • 69 EM, Nr. 94 vom 20.9.1941.
  • 70 Vgl. LVA, 69/13/19, Bl. 30 f.
  • 71 Ebd.
  • 72 Vgl. LVA, 998/1/1, Bl. 10.
  • 73 Vgl. LVA, 69/1/19, Bl. 27.
  • 74 Vgl. LVA, 1206/1/3, Bl. 263.
  • 75 Vgl. LVA, 69/13/17, Bl. 489 und S. 626 f.
  • 76 Vgl. LVA, 69/2/73, Bl. 113.
  • 77 Vgl. Yisrsel Gutmsn u.3. (Hg.) Enzyklopädie des Holocsust, 3 Bde., Berlin
  • 1993, Bd. 2, S. 728.
  • 78 Vgl. LVA, P 132/30/433, Bl. 1-44.
  • 79 »Mes 3psüdzam« (Wir klagen an). Dokumente, Riga 1964, S. 164.
  • 80 LVA, P-132/26/13, Bl. 197.
  • 81 Vgl. die Angaben in den Aufzeichnungen des ehemaligen Lsger-Sanitäters
  • A. Jskobson.
  • 82 Vgl. »Ventss Bslss« vom 30.3.1993.
  • 83 Vgl. LVA, 69/2/47. Bl. 73.

Papildus informācija

  • Autors: Margers Vestermanis
  • Izdevums: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager: Entwicklung und Struktur‎. Band I. –Göttingen: Wallstein Verlag, 1998
  • Publicējuma gads: Marts. 2010
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